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Vom Vergleichen und Verurteilen

9. Oktober 2012

„Du trägst deine Kinder ganz schön oft herum“, meinte kürzlich eine Bekannte. Und sie ist nicht die Einzige. Versteckte oder offene Kritik – ich glaube, nirgends wird man so oft beurteilt, nirgends wird so oft verglichen wie unter Müttern. „Was? Du lässt deine Kleine schon alleine sitzen??? Du weisst aber schon, dass das ungesund ist?!?“ oder „Hmmm, deiner kann das noch nicht? Also mein Grosser konnte das schon mit 3 Jahren…“. Die Liste liesse sich beliebig und wöchentlich erweitern… Letztens las ich irgendwo, dass das ewige Vergleichen schon mit den Geburtskärtchen beginnt. Das Gewicht und die Grösse fehlt doch auf keiner Anzeige – auch auf unseren nicht.

Schon bevor ich eigene Kinder hatte, hatte ich einige feste Vorstellungen, wie ich „es“ als Mutter so handhaben werde – oder viel mehr wie sicher nicht. Meine Kinder würden sicher nie an der Brust einschlafen dürfen – schliesslich schläft man am Tisch auch nicht während des Essens ein, nicht wahr?! Und mit den Eltern im selben Bett schlafen? Für was gibt es Kinderbettchen, hallo?! Und das Baby ewig im Arm oder Tragtuch herumtragen, damit es nicht jammert? Nicht mit mir! Ein Kind muss schliesslich auch lernen, dass im Leben nicht immer gleich jemand alles stehen und liegen lässt und zur Stelle ist… Naja, entsprechend verurteilte ich in Gedanken natürlich auch Mütter, welche sich nicht nach meinen Vorstellungen verhielten. „Pfff, ist das Kind ungezogen! Also wenn das mein Kind wäre, dann…!“ ertönte es da innerlich.

Ziemlich engstirnig war ich da, ich gebe es zu. Tja, dann wurde ich Mutter und kam dabei ein Stück weit selber mit auf die Welt. Meine Prinzipien begannen zu wanken und ziemlich viele davon wurden völlig umgestossen. Meine Babys schliefen alle mit uns im Bett, durften die ganze Nacht an meiner Brust hängen, wenn sie das so wollten oder brauchten. Die ersten Monate sah man mich vor allem bei meinen beiden Mädels praktisch nie ohne Tragtuch (siehe hier) und auch jetzt trage ich die Kleinste noch viel mit mir herum.

War ich beim Grossen noch relativ strikt (kein Zucker vor seinem zweiten Geburtstag, gar kein Fernsehen vor 3 Jahren etc.) schleckte die Mittlere schon mit 7 Monaten an meinem Eis und guckte schon mit 1 ½ Jahren ab und zu Episoden des Kleinen Maulwurfs als Gute-Nacht-Geschichtchen – von der Kleinsten sprechen wir hier Mal lieber gar nicht. 😉

Auch meine Wunschvorstellung, alle Kinder gleich zu erziehen, warf ich nach der Geburt der Mittleren ziemlich schnell über Bord. Alle meine Kinder sind eigene kleine Persönlichkeiten mit eigenen Bedürfnissen, Verhaltensweisen und Meinungen. Dementsprechend variiert auch mein Umgang mit ihnen, was absolut nichts mit Bevorzugung eines Kindes zu tun hat – wie ich einsehen musste. Ausserdem ist es einfach etwas anderes, wenn ein Kind das Einzige der Familie ist oder da schon ältere Vorbilder vorangehen…

Je länger ich Mutter bin und bei jedem Kind, dass dazu kommt, werde ich milder – meinen Kindern, mir und vor allem anderen gegenüber. Erziehung ändert sich. Nicht jedes Kind braucht das Gleiche, nicht jeder macht es gleich. Es gibt da zum Glück viele Möglichkeiten und „richtige“ Erziehungsarten. Und wer weiss, wie ich in ein paar Jahren über meinen jetztigen Stil denke. 😉

Und trotzdem ertappe ich mich auch heute noch, wie ich mich mit anderen vergleiche, mich dabei schlecht fühle *kopfschüttel* oder dann überzeugt bin, dass ich es viel besser mache *schäm*. Urteilen und Verurteilen. „Wir Frauen haben gelernt, uns an den vermeintlichen Mängeln der anderen zu orientieren. Das schwächt uns. Denn so, wie wir andere beurteilen, beurteilen wir auch uns selbst.“ las ich gestern im aktuellen Migros-Magazin, welches die Psychologin Julia Onken aus ihrem Buch zitiert. Ja, auch ich verdrehe so manches Mal innerlich die Augen, wenn ich eine Mutter mit Babybjörn und nach vorne gerichtetem Baby sehe – dabei, habe ich es beim Grossen nicht genauso gemacht?! Das ich meine Methoden gut finde, ist ja klar, sonst würde ich es wohl nicht so machen, wie ich es mache. Ich übe aber, zu akzeptieren, dass es wohl jeder anderen Mutter genauso geht, auch wenn ich im Vergleich so einiges anders machen würde. Und ich mache Fort-Schritte, fort vom Vergleichen und Verurteilen.

Besonders gut tut es da, im selben Migros-Magazin (Nr. 41, Seite 97) Folgendes zu lesen:

  • Sie müssen keine perfekte Mutter sein. Gut ist gut genug.
  • Seien Sie ehrlich zu sich und zu anderen. Stehen Sie dazu, wenn Ihnen Kinder und Haushalt mal über den Kopf wachsen. Das erleichtert Sie – und die anderen Mütter ebenfalls.
  • Nehmen Sie es mit Humor, wenn etwas mal nicht gelingt.
  • Was für andere gut ist, muss für Sie und Ihre Familie nicht unbedingt auch das Richtige sein. Das gilt auch umgekehrt.
  • Egal, was Sie als Mutter machen, irgendjemand hat ohnehin etwas zu kritisieren. Vielleicht hilft Ihnen diese Erkenntnis bei der Suche nach Ihrer eigenen Art, Mutter zu sein.

 

Und obwohl ich das ja irgendwie schon alles weiss, so eigentlich, tut es doch gut, es hier so kurz und knackig zusammen gefasst zu lesen. Ich hoffe euch auch… 🙂

 

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8 Kommentare leave one →
  1. 9. Oktober 2012 19:28

    Liebe Anja! Jaaaaa, das tut sehr gut zu lesen. Vorallem bei Deinem Absatz über Deine Vorstellungen „was ich mit meinem Kind mache/nicht mache“ hab ich so schmunzeln und zurück denken müssen, was ich alles für Pläne hatte, die teils in den ersten Tagen schon umgeworfen wurden. 😉 (Allerdings hab ich erst eins.) Eine Freundin von mir sagt immer: Man wächst mir seinen Aufgaben, und Mamis wachsen über sich hinaus.
    Das Vergleichen und Urteilen ist leider sehr in uns verankert. Da an sich selbst zu arbeiten ist sicher ein erster guter Schritt und tut auch unseren Kindern gut.
    Dein Post heute zeigt, dass Du Dir viele Gedanken machst und dass sich Deine Kinder glücklich schätzen können, dass Du so individuell auf sie eingehst.
    Alles Liebe, mach weiter so, egal, was andere sagen! (…aber ich glaub, das tust Du eh)
    Martina 🙂

  2. 9. Oktober 2012 21:31

    :-).
    (Ich würde jetzt gern sofort einen geistreichen längeren Kommentar schreiben, allerdings tapst das kleine unerzogene Kind hier immer noch herum und spielt mit meinen Nerven – besser also morgen)

  3. Jutta permalink
    10. Oktober 2012 10:11

    Könnte ich geschrieben haben. Mir ging/geht es ganz genauso. Was hatte ich doch für klare Vorstellungen und wie haben sich diese, vor allem beim zweiten Kind dann geändert.
    Tja, an dieser blöden Killerphrase „Hab du erstmal selber Kinder“ ist doch was wahres dran. Auch wenn ich den Blick von außen, gerade auch von Kinderlosen nicht schlecht finde, um die aktuelle Situation mal wieder zu bedenken. Oft pendeln sich Verhaltensweisen ein, die man eigentlich selbst nicht gut findet und nur zu „schwach/faul“ zum „bekämpfen“ ist oder man sie gar nicht mehr richtig wahrnimmt.
    Aber ich denke, wenn man sich öfters mal seine Gedanken um seine Familie/Erziehung etc, macht, ist man doch schon mal auf einem guten Weg.
    Und ja, ich schäme mich auch oft, wenn ich innerlich großkotzig über das Verhalten andere den Kopf schüttle.
    Naja, wir sind eben alle nur Menschen.

    • 15. Oktober 2012 22:57

      Ich bin sehr froh, geht es nicht nur mir so… 🙂
      Ja, den Blick von Aussenstehenden schätze ich auch sehr, solange die „Ratschläge“ konstruktiv angebracht werden… 😉
      Ganz liebi grüäss, anja

  4. 17. Oktober 2012 19:51

    Was für ein toller Post!! Vielen Dank, du sprichst mir aus der Seele. Vor allem bei der Geschichte mit dem Baby Björn musste ich schmunzeln, GENAUSO ist das bei mir! und auch ich hatte meinen Schnecki ein paar Wochen in einem Babybjörn sitzen (zwar in meine Richtung schauend, aber für die Beckenstellung ja trotzdem Gift), ehe wir in der Stillgruppe über die verschiedenen Tragehilfen lernten. Erst da war mir klar, was ich meinem Kind „antue“ und schwupp die wupp war ein Manducca gekauft.
    Sich das Vergleichen und vor allem verunsichern Lassen abzugewöhnen ist harte Knochenarbeit und mit immer wieder kehrenden Rückfällen verbunden, aber es wird besser 🙂
    Liebe Grüße aus Wien,
    Babsy

    • 20. Oktober 2012 16:19

      Willkommen Babsy! Schön, schaust du hier vorbei! Es ist wirklich schön, dass es nicht nur mir so geht 🙂 Mein Grosser wurde sogar nur im Babybjörn herumgetragen, weil mich zu der Zeit das Wickeln des Tragetuch völlig ratlos zurückliess. Und doch ertappe ich mich heute ab und zu dabei, wie ich Babybjörn-Mamis kopfschüttelnd nachschaue… Wirklich harte Knochenarbeit dieses Abgewöhnen, wie du schreibst…
      Ganz liebi grüäss, anja

  5. 18. Oktober 2012 16:16

    Gerade eben (über Kreativberg) bin ich auf deinen Blog gestossen. Ich habe selbst drei kleine Kinder und kann deine Gedanken vollkommen nachvollziehen und nachempfinden. Ja, man hat da so seine Vorstellungen und plötzlich merkt man, das man nicht immer stur an seinen Ansichten und Meinungen von dazumal festhalten kann. So vieles kommt anders als man es vorher gedacht hat. Und mit jedem Kind wird man bei gewissen Dingen auch lockerer, irgendwie. Die Kleinen möchten eh den grossen Geschwistern nacheifern. Und auch ich möchte mich immer wieder in Grosszügigkeit üben, wenn andere Eltern es eben anders machen und ich gewisse Dinge nicht befürworte (z.B. BabyBjörn-Tragweise wie auch du), jeder nach seinem besten Wissen und Gewissen. Wäre schön, wenn wir alle ein wenig offener und tolleranter gegenüber unseren Mitmenschen/Mitmüttern sein könnten, auch wenn es uns nicht immer so leicht fällt. Automatisch, wenn wir nicht genau auf unsere Gedanken achten, wird das Geschehene oder Gehörte kategorisiert: gut-schlecht, dick-dünn, ungezogen-zuvorkommend, schwarz-weiss, aber es gibt auch noch die Grautöne, den Weg dazwischen.
    Huch, so lang war mein Kommentar gar nicht geplant!
    Liebe Grüsse
    Sarah

    • 20. Oktober 2012 16:22

      Liebe Sarah, willkommen hier und danke für deinen ausführlichen Kommentar! Ich freue mich über jede, der es auch so geht. Gedanken-Managment hiesse das wohl modern… 😉
      Ganz liebi grüäss, anja

Ich freue mich sehr über jeden Kommentar... :-)

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