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Perspektivenwechsel

6. April 2012

Die letzten beiden Tage ware sehr anstrengende Tage. Tage, welche schon frühmorgens völlig falsch erschienen. Tage, an welchen meine Kinder meine Nerven gar arg strapazierten. Tage, an welchen ich manchmal am liebsten alles hingeschmissen hätte, um mich irgendwo ganz alleine zu verkriechen. Vor allem der Grosse brachte mich zeitweise an den Rande des Wahnsinns. Was war bloss mit ihm los? Sah er nicht, dass ich keine Zeit zum Kuscheln hatte, wenn die Kleinste wie am Spiess schrie? Dass ich keine Bücher mit ihm angucken konnte, falls er etwas zu Mittag wollte? Wieso musste ich ihm die gleichen Dinge immer und immer wieder sagen? Hatte er keine Ohren? So und ähnlich kreisten in meinem Kopf die vorwurfsvollen Gedanken.

Gestern Abend lag ich dann erschöpft und genervt im Bett und liess den Tag noch einmal vor meine Augen vorüberziehen. Für mein Verhalten hatte ich tausend Entschuldigungen, ich war schliesslich fast 24h am Tag gefordert, musste unglaublich viel erledigen und dabei auch noch permanent müde. Wieso konnten die Kinder, insbesondere der Grosse, nicht Rücksicht darauf nehmen?

Als ich mir vorzustellen versuchte, was wohl täglich in seinem Kopf abging, stellte sich mir plötzlich die Frage, wie der Tag wohl aus seiner Sicht aussah:

Frühmorgens aufgestanden und still im Wohnzimmer gespielt, damit die drei Frauen der Familie noch schlafen konnten. Vor lauter Hunger die genervte Mama geweckt. Mich sehr langsam aber ganz selbständig angezogen. Gegessen und vor Langweile am Tisch mit dem Teller und Wasserglas gespielt. Oops, nass geworden! Der Schwester gezeigt, wer der Grosse ist und dadurch das Sagen hat – Reviere müssen schliesslich permanent abgesteckt und vergrössert werden. Meins ist meins und deins ist… äähmm… auch meins? Im Keller mit der Schwester Bobbycar-Rennen um die Wäscheständer veranstaltet – wieso steht da auch immer die Mama oder ein voller Wassereimer im Weg? Öfters Mal gerügt, aber vor lauter Spass nicht zugehört wieder vergessen. Weinend nach oben geschickt worden – ganz alleine! An Mamas Beine gehängt – ihre Arme sind ja auch immer von der Kleinstschwester besetzt… Bücher in die Küche geschleppt – Kochen kann Mama doch auch nebenbei und Gemüse wird sowieso überbewertet. Schwestern zum weinen gebracht – wieso möchte denn niemand kuscheln? Mama mit Fragen gelöchert – wie soll ich sonst was lernen? Gegen Papas Kuschelattacke über Mittag gewehrt – sieht er das spannendes Buch auf meinem Schoss etwa nicht? Kleinstschwester abgelenkt, damit Mama den Abwasch erledigen konnte. Viel zu laut geräuschsecht mit den Autos gespielt, alleine, um den Schwestern ihren Mittagsschlaf und der Mutter ihre Pause zu gewähren. Gelangweilt und nur ein klitzekleines bisschen Unsinn gemacht. Angeschnauzt worden, schon wieder! Waschküchenbesuch, schon wieder! Eeeendlich nach draussen! Gestänkert – für freie Kleidungswahl! Bus und Zug gefahren, Mama mit Schwestern immer zwei Schritte voraus – es gibt aber auch wahnsinnig viel Spannendes zu sehen. Geängstigt, Mama fast verloren. Tantes neue Wohnung besucht. Aufgedreht nach Hause. In der Wohnung rumgerannt – War ja auch viel zu kurz, die Draussenzeit. Gegessen und getrödelt – trockenes Brot kaut sich schliesslich schlecht. Was??? Schon Schlafenszeit? Nicht für mich!! Getrödelt – wieso hat es in der Schlafanzugshose auch so viele Öffnungen? Aufs Klo? War ich heute doch schon Mal! Wieso schreit die Kleine immer dann, wenn ich kuscheln möchte? Wieso ist Mama überhaupt so generv? Ins Bett geschlichen. Teddy gesucht – der versteckt sich aber auch immer! Noch einen Gutenachtkuss und noch einen und… Puh, sind meine Augendeckel schwer….

Mal ehrlich, wie konnte ich nach diesem Perspektivenwechsel noch böse sein? Im Gegenteil, das schlechte Gewissen übermannte mich gnadenlos. Wie ungeduldig und gemein ich doch gewesen war. Und ich fragte mich, was mich je dazu ritt, zu denken, dass ich drei Kindern gerecht werden konnte?!

Und dann heute, Karfreitag, mit besonderer Bedeutung. Eigentlich verlief der Tag ganz alltäglich. Und trotzdem ganz anders. Ich war mir wieder mehr bewusst, wie sehr ich doch geliebt werde, trotz meiner Fehler. Die alltäglichen Aufgaben gingen mir leichter und dankbarer von der Hand, wohlwissend, dass meine Kinder zwar keine perfekte, aber eine sie über alles liebende Mama haben…

 

 

 

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6 Kommentare leave one →
  1. 7. April 2012 09:19

    Wie schön, dass dir dieser Perspektivenwechsel gelingt. Ich glaub, das kann viel heilsames in den Alltag bringen. Ich mache das immer wieder – auch, wenn ich dann trotzdem keine Zeit habe zum Buchvorlesen während dem Zwiebelschneiden oder so – ich habe das Gefühl, ich äußere das dann anders. Ich hab das Gefühl, wenn man Kinder hat, wird das „Ich“ eine sehr fließende Angelegenheit. Für mich ist der Alltag einfacher geworden, seit ich mir für untertags weniger vornehme (außer, was unbedingt sein muss) und mir am Abend dann eine oder zwei Stunden genehmige, in denen ich tue, was „ich“ will. Das hilft mir dann die Ruhe zu bewahren (manchmal jedenfalls *zwinker*) wenn ich wieder nicht stricken kann oder eine SEite im Buch zu Ende lesen, weil einfach die Duplosteine aufeinandergesteckt werden sollen oder ein Cremetiegel in Sicherheit gebracht werden muss *grins*

    Alles, alles Liebe. Und viel Energie – vielleicht war in den letzten Tagen was in der „Luft“, auf so manchem Blog hab ich gelesen, dass es nicht ganz einfach war mit den kids und sowieso und überhaupt. Das ist etwas Schönes am Bloggen, dieser Trost, der sich dann irgendwie ergibt: anderswo läuft es auch grad nicht so rund 😉

    Gesegnete Ostertage, maria

    • 9. April 2012 20:35

      Genau so empfinde ich das auch. Wenn ich die Situation aus der Sicht der Kinder zu betrachten versuche, reagiere ich viel angemessener, begründe mich oder gehe Kompromisse ein… Im Moment nehme ich mir fast gar nichts vor, da ich neben dem Haushalt und den Kindern zu praktisch nichts komme. Aber es kommen auch wieder andere Zeiten 🙂
      Ganz liebi grüäss, anja

  2. 7. April 2012 09:50

    Ja, das muss man sich wirklich einmal vor Augen führen! Die Kleinen quengeln ja in der Regel nicht, weil sie uns so gerne ärgern, sondern weil sie tatsächlich irgendein Problem haben, weil sie sich unwohl fühlen oder weil sie etwas stört. Aber wenn das nicht so zu unserem normalen Tagesablauf passt, fühlen wir uns schnell genervt, denn wir müssen doch eigentlich gerade kochen, waschen, arbeiten und haben keine Zeit oder Geduld für die Kleinen.

    Aber ich finde es legitim, genervt zu sein. Wir sind ja keine Brunnen der ewigen Geduld und Achtsamkeit. Wir sind, genau wie die Kleinen auch, Menschen, die ihre Grenzen haben und manchmal ist das Fass einfach voll, manchmal kann man einfach nicht mehr.

    Um so wichtiger, dass man sich solche Gedanken wie Du macht und dass man vielleicht, wenn die Kinder schon alt genug sind, sogar auch mit ihnen darüber spricht. Ihnen erklärt, wieso man gereizt war, sich vielleicht auch entschuldigt.

    Die perfekte Mutter, das ist so ein blöder Begriff. Ist eine Mutter, die ihre Kinder über alles liebt, nicht automatisch perfekt?

    • 9. April 2012 20:38

      Mich bei den Kindern zu entschuldigen, wenn ich überreagiert habe und ihnen Unrecht getan habe, das finde ich seeehr wichtig. Das habe ich auch an meinen Eltern sehr geschätzt.
      Mir gefällt übrigens deine letzte Frage sehr 🙂
      Ganz liebi Grüäss, anja

  3. 7. April 2012 14:08

    Schön, dass du es sogar schaffst, so einen Tag aus den Augen deines Kindes zu sehen: das ist vielleicht gerade das Allerschwierigste in solchen Momenten, weil wir dann derarttief „im Sumpf“ stecken, dass wir selber nur noch RAUSRAUSRAUS wollen… Ein bisschen wie Ertrinkende, die die Hand ausstrecken und nur noch daran denken können irgendwie einen Rettungshalm zu finden… Dann noch einen Schritt neben sich selbst machen zu können und das Kind verstehen zu wollen… das ist wirklich schwierig, oder? Du weisst ja, wie das bei uns oftmals zu und hergeht; so oft sind wir ausser Rand und Band… aber nicht nur im negativen Sinne, glaube ich… Vielleicht kann man das auch einfach „leidenschaftliches Leben“ nennen? Klingt irgendwie netter, oder? Und ein bisschen südländisch nach viiiiiiiiiel Temperament und echten Gefühlen… Ich glaube, ihr seid eine sehr authentische Familie, so wie ich euch kenne. Ihr schmust und lacht und schimpft und weint, ganz echt und offen eben. Und das mag ich irgendwie.
    Du bist gut so wie du bist! Und genau wie du es schon geschrieben hast; dass wir auch dann geliebt sind, wenn wir uns nicht so gut fühlen (und es vielleicht ja auch wirklich nicht sind), das ist ein Riesentrost, oder? Ich denke immer wieder daran, dass Gott schlussendlich auch aus Tiefpunkten und schwarzen Stellen etwas ganz und gar Geniales herauswachsen lassen kann. So wie den kleinen Ahornbaum, den ich neulich aus einer versenkten Tolle herauswachsen sah; Da liegen überall Samen verstreut, Samen, die Liebe und Freude und einfach GUTES hervorbringen können, selbst wenn sie aus dem Kompost wachsen müssen, zwischen Eierschalen und faulen Äpfeln (mal wieder ein superplakatives Beispiel von mir *lach*). Das tröstet mich, weil ich weiss, dass mit seiner Hilfe, meine Kinder selbst in den wildesten Zeiten noch glückliche Kinder sein können. Wenn die Liebe die Grundlage ist -und das ist sie bei euch, ohne Zweifel!- dann kann nur schwer etwas schief gehen. Denn ich vertrauen darauf, dass Gott alles zusammenhält, wo ich selber versage eben mit SEINER Liebe…
    Bis morn villicht!
    Bora

    • 9. April 2012 20:42

      hehe, wirklich ein sehr treffendes Beispiel 😀 Mir gelingt der Perspektivenwechsel nicht immer, manchmal bin ich so in Fahrt… Auch hier erfolgte er erst im Nachhinein, als die Kinder schon im Bett waren. Habe mich dann aber ins Kinderzimmer geschlichen und mit dem Grossen im Bett gekuschelt. 😉
      Ich wünsche dir eine wundervolle Woche Bora! Wir waren am Sonntag in Zofingen, einen Kurzbesuch im Osterlager abstatten…
      Ganz liebi grüäss, anja

Ich freue mich sehr über jeden Kommentar... :-)

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